Der

Weltensammler

Die Gemmi – Von der Verbindung zum Weg

Klaus Aerni


Einleitung

Als Grundthese zur Entwicklung der Kartentechnik darf gelten, dass die Genauigkeit der Darstellung im Laufe der Geschichte zugenommen hat. Es gibt aber auch Beispiele, wo Karten durch stetes Abzeichnen allmählich an Qualität verloren haben. Im gewählten Titel «Die Gemmi – Von der Verbindung zum Weg» kommt zum Ausdruck, dass bei der Kartenanalyse im Gebiet der Gemmi vor allem die Fortschritte der Kartographie im Zentrum stehen. Damit lässt sich die Problemstellung in einer Reihe von Fragen verdeutlichen:

Topographie und Geschichte der Passlandschaft bis zu ihrer kartographischen Darstellung am Ende des 15.Jahrhunderts

Die Gemmi verbindet Kandersteg im Berner Oberland mit Leukerbad im Wallis. Sie gehört mit den Pässen Grimsel, Lötschen, Rawil und Sanetsch zu den historisch bedeutenden und gut begehbaren Übergängen der nördlichen Alpenkette, welche die Einzugsgebiete der Rhone von jenen der Aare und der Saane trennt.

Auf der Südseite der Gemmi führte der Weg vom Daubensee durch das Furggentälti über die Alte Gemmi (Topographischer Atlas 473, Ausgabe 1884; Landeskarte der Schweiz 1267, Koordinaten 615600/139260, Ausgabe 1992) zur Clabinualp und weiter bis Leukerbad. Wann der Weg von der «Alten Gemmi» in die Daubenwand und damit zum «Gemmipass» verlegt wurde, ist nicht mit Sicherheit bekannt. Daher werden für die Phase vor der sicheren Benutzung des «Gemmipasses» beide Übergänge mit dem Namen «Gemmi» bezeichnet.

Im Vergleich der beiden Übergänge ist zweifellos die Daubenwand des Gemmipasses als Geländehindernis abweisender als die Alte Gemmi, die ohne Hilfsmittel passierbar war. Jedenfalls dürfte der Übergang von den Alemannen benutzt worden sein, die um 800 n.Chr. den Kessel von Leukerbad und die Leuker Sonnenberge von Guttet und Feschel besiedelten. An einer felsigen Stelle im Abstieg zur Clabinualp haben sich Stützmauern als Relikte eines Wegbaues erhalten, die einen gebahnten Weg bezeugen. Nähere Hinweise ergeben sich aus der Analyse des Gemmipasses. In seiner heutigen Form ist er nach Normen errichtet worden, die auf den Wegbau von 1739/1741 durch eine Tiroler Bauequipe zurückgehen. Die Stützmauern sind technisch sehr solid errichtet, und teilweise ist der Weg in die Felsen eingesprengt. Das Gefälle beträgt in der Regel 40%. Im Raum des so genannten «Chlöfe» oder «Chlofu», befinden sich oberhalb des Weges von 1739/1741 schmale, nicht mehr benutzbare Wegstücke mit einer Steilheit von 80 bis 90%. Beim Chlöfe befindet sich in der Gehhöhe dieser Wegrelikte ein im Felsen verankerter Holzbalken (= «Chlöfe»), und etwas höher findet sich in einem Felsband die Jahrzahl 1549 eingemeisselt. Die Geländeanalyse zeigt, dass der heutige Weg einen technisch wesentlich schlechteren Vorgänger ersetzt hat, der wahrscheinlich 1549 entstanden ist.
Nach der Präsentation der Feldbefunde ist nun die Passgeschichte auf Grund der historischen Quellen im Überblick darzustellen.
1232 wird die Alp Winteregg erstmals im Lehensvertrag zwischen Werner von Kien und dem Bischof von Sitten erwähnt. 1252 wird die Gemmi erstmals als Pass bezeichnet. 1318 schlichtete in Leuk Johannes vom Turm, Herr zu Gestelen und Frutigen, einen Streit zwischen seinen Lehensleuten Peter Ecko von Frutigen und Thomas, Meier von Leuk. In diesem Vertrag werden im Bereich der heutigen Spittelmatte ein Spital sowie Wege, Strassen und Wälder genannt. Um 1500 war die Gemmi allgemein bekannt; sie erscheint erstmals auf Karten.

Abb. 1: Ausschnitt aus der Karte der Eidgenossenschaft von Konrad Türst, 1495/1497. Auf der ältesten Karte der Schweiz wird der Name der Gemmi erstmals genannt.
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Die Wegbauten an der Gemmi und ihre Darstellung in den Karten vom Ende des 15. Jahrhunderts bis ans Ende des 18. Jahrhunderts

In diesem Zeitraum können drei Entwicklungsphasen unterschieden werden: Die ältesten Karten enthalten allein die Namen der Pässe und belegen damit den Pass als Verbindung; in jüngeren Karten sind nur die Passwege mit Signaturen eingetragen, und schliesslich folgen Karten mit einem durchgehenden Weg- und Strassennetz.

Karten mit Nennung des Namens und ohne Wegsignaturen (1495 bis 1577)
Konrad Türst nennt auf seiner Karte der Eidgenossenschaft 1495/1497 (Abb.1) nicht nur erstmals den Namen Gemmi, sondern vermittelt mit den Namen FrutigenCander (Fluss) – Gemmi bad (Leukerbad) und loeg (Leuk) auch eine Vorstellung über den Routenverlauf.1
Wesentlich ärmer an Orts- und Passnamen ist die 1544 erschienene Holzschnittkarte Helvetiae Nova Tabula von Sebastian Münster.2
Eine klare Übersicht vermittelt die Karte des Wallis von Johann Schalbetter, die 1545 von Sebastian Münster in drei verschiedenen Ausgaben veröffentlicht worden ist. Sie zeigt zwar keine Wege, orientiert aber erstmals über die wichtigsten Rhonebrücken und nennt alle bedeutenden Pässe der Berner und Walliser Alpen.
Die Karte des Wallis von Johannes Stumpf (1548) wurde in seinen Landtaflen 1552 als Karte XI Wallis publiziert und zeigt weniger Details als jene von Schalbetter. Jedoch präsentiert sie in augenfälliger Weise alle bedeutenden Berner- und Walliserpässe, deren Namen je in einem graphisch reich gestalteten Namensband stehen.
Thomas Schoepf beendete 1577 seine Karte des Kantons Bern (Abb.2). Sie umfasst in reicher graphischer Ausdrucksweise und mit einem umfassenden Kommentar das dem damaligen bernischen Stadtarzt verfügbare Wissen. Noch ist die Gemmi nicht als Route dargestellt, jedoch belegen mehrere Brücken einzelne Fixpukte des Wegverlaufes. Erstmals dargestellt ist der Dubensee. Die höchste Stelle des Überganges ist als Gemmi m bezeichnet. Hier verläuft nach der Karte die Grenze zum Kanton Wallis, worauf der Kommentar ausdrücklich hinweist. Schoepf bezeichnet den Pass als sehr hoch und rauh. Er diene als Zugang zu den Thermen von Leuk und sei nur in den späten Sommermonaten gangbar.
Zusammenfassend betrachtet erscheinen in der Zeit von Türst bis Schoepf die Pässe auf den Karten nur als Namen, und damit sind sie nur als Verbindungen zwischen Tälern oder Orten belegt. Einzelne Brücken in den Haupttälern erlauben erste Hinweise auf gebaute Durchgänge. Über den Verlauf des Gemmiweges, vor allem über die schwierig zu überwindende Daubenwand erfahren wir aus den Karten nichts. Dagegen informieren uns die zugehörigen Kommentare und weitere schriftliche Quellen. Sie belegen, dass einige Jahrzehnte vor 1574 der Übergang von Leukerbad nach Kandersteg von der Alten Gemmi zum heutigen Gemmipass verlegt worden ist. Die bereits erwähnte eingehauene Jahrzahl 1549 beim Chlöfe lässt sich damit gut einpassen. Wie die Schilderung des Basler Kaufherrn Andreas Ryff von 1591 und die archäologischen Untersuchungen von Lukas Högl noch zeigen werden, beantwortet das Datum 1549 jedoch nicht alle Fragen der Wegverlegung an der Gemmi.
Abb. 2: Ausschnitt aus der 1577 beendeten Karte des Berner Gebiets von Thomas Schoepf. Die Gemmi ist noch nicht als Route dargestellt, als Fixpunkte des Wegverlaufs sind jedoch mehrere Brücken eingetragen.
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Karten mit den ersten Wegsignaturen für Passwege (1657 bis 1680)

Im Mai 1591 reiste der Basler Kaufherr Andreas Ryff über die Gemmi, um mit dem Bischof von Sitten in Leukerbad «in Bergwerkssachen» zu verhandeln. Die Reise wurde für Ryff zu einem eindrücklichen Erlebnis, so dass er den Abstieg durch die Daubenwand anschliessend in seinem Reiss-Biechlin zeichnerisch (Abb.3) und schriftlich festhielt. Die bildliche Darstellung wurde von einem Basler Künstler umgezeichnet und 1591 im Zirkel der Eidgenossenschaft publiziert. Vermutlich ist Hans Conrad Gyger dieser Darstellung irgendwo begegnet.

Abb. 3: Leukerbad - Daubenwand an der Gemmi. Zeichnung von Andreas Ryff 1591 (Ausgabe im Basler Taschenbuch auf das Jahr 1862).


1657 publizierte Hans Conrad Gyger seine Schweizerkarte.3 Auf ihr ist südlich der beiden Bezeichnungen Uf der Gemi M. und Zur Tuben der Weg nach Leukerbad als schematische Zickzack-Linie eingetragen (Abb.4). Die Signatur bringt sowohl den Schrecken vor der Wand wie den Respekt vor dem Bauwerk zum Ausdruck. Es ist zwar noch kein grundrissliches Wegnetz abgebildet; aber der Eintrag des Gemmiweges durch eine Zickzack-Signatur erlaubt dessen eindeutige Lokalisierung und steht am Anfang der Signaturensprache für Wege.

Abb. 4: Ausschnitt aus der Schweizerkarte von Hans Conrad Gyger, 1657. Der Eintrag des Gemmiweges durch eine Zickzack-Signatur steht am Anfang der Signaturensprache für Wege.
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Der Kartograph Pierre Duval verwendete in seiner Carte du Pais de Vallais ou Walliser-Land von 1658 (Abb.5) für die Darstellung des Gemmiweges in der Daubenwand eine schlangenförmige Doppellinie ohne geschlossenen Anfang oder Ende. Ob er zu dieser Innovation durch die ein Jahr zuvor erschienene Karte Gygers angeregt worden war, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall ist er der erste Kartograph, der die Kategorie «Pässe» in der Form einer Signatur darstellt.

Karten mit durchgehendem Weg- und Strassennetz (ab 1702)
Am Anfang des 18.Jahrhunderts hat Alexis-Hubert Jaillot auf der Basis der Karte Gygers eine vierteilige Karte der Schweiz entworfen. Ihr südwestlicher Teil umfasst die Partie Meridionale des Cantons de Berne et de Fribourg, le Valais, la Seigneurie de Geneve, les Baillages d’Orbe et de Schwarzenburg und erschien 1702.4 Diese Karte zeigt erstmals die Strassen netzförmig und stellt damit einen grossen Fortschritt dar. Die Wegdarstellung von Thun nach Leukerbad liess sich auch in der Inventarisierung des Inventars historischer Verkehrswege der Schweiz (IVS) nachweisen. Seit dem ausgehenden 17.Jahrhundert wuchs das Bedürfnis der Staaten, ihre Grenzen aus wirtschaftlichen und politischen Gründen festzuhalten und darzustellen. In Bern widmete sich Samuel Bodmer dieser Aufgabe. Er schuf ab 1705 ein dreibändiges Marchenbuch über den Verlauf der damaligen bernischen Grenzen und beschrieb sie in einem Kommentarband. Wohl aus der Phase der Rekognoszierung dürfte die mit 1701 datierte Darstellung der Daubenwand sein (Abb.7), die von Scheuchzer 1708 nach einem Stich von Johann Melchior Füssli publiziert worden ist. Der Vergleich mit der Darstellung Ryffs von 1593 (Abb.3) zeigt eine entscheidende Veränderung des Wegverlaufs: Ryff zeichnete die an vier Ketten hängende Brücke über einer weiten Schlucht mit je einem Wachthaus auf beiden Seiten. Bodmer bezeichnet mit dem Buchstaben E ein Wachthaus östlich dieser Schlucht; die Brücke zeichnet er oberhalb des Wachthauses in der Weglängsachse beim Buchstaben D ein. Fridolin Becker beschreibt 1883 Reste des östlichen Wachthauses – die Aushöhlung in der Wand ist noch heute zu sehen – und bemerkt, dass die früher mit Schutt gefüllte Schlucht heute ausgeräumt sei. Dies dürfte jene Wegführung veranlasst haben, wie sie von Samuel Bodmer gezeichnet worden ist. Die militärische Sperre in Form einer abwerfbaren Brücke wurde an eine neue Stelle westlich der Schlucht verlegt. Das von Ryff gezeichnete Wachthaus westlich der ehemaligen Brücke passte vermutlich nicht mehr zum neuen Wegverlauf und verschwand aus dem Wissen der Bewohner. Vermutlich ist es jene vom heutigen Weg aus nicht sichtbare Höhlenburg, die Lukas Högl 1986 in der Nähe des bereits beschriebenen Chlofu links der Schlucht entdeckt hat. In ihr hat sich ein Türsturz erhalten, dessen Holz nach der dendrochronologischen Untersuchung zwischen etwa 1329 und 1334 gefällt worden ist. Damit erlauben die archäologischen Untersuchungen, entgegen der beim Chlöfe aufgefundenen Jahrzahl und entgegen der historischen Überlieferung, die früheste Benutzung der Daubenwand in den Zeitraum um 1334 zu rücken. Der Hinweis auf den Krieg mit den Herren von Weissenburg von 1334 und das Ausgreifen Berns Richtung Oberland sprechen für vorsorgliche Abwehrmassnahmen der Walliser gegenüber Bern.
Zurück zur Zeichnung Bodmers: Sie wirkt in ihrer Art sehr elementar und besticht durch die klare Aussage, dass es nur einen Weg durch die Daubenwand gibt, der zudem bewacht und leicht unterbrochen werden kann. So ist die Zeichnung eine ausgezeichnete Orientierung, in der durch den virtuellen Standort des Zeichners die grundrisslich nicht darstellbare Steilwand als vertikale Projektionsebene der Wegführung benutzt wird. Thomas Germann bezeichnete 1993 denn auch die Figur als «vertikalpanoramatische Ansicht».
Während das Marchenbuch Bodmers und die zugehörigen Pläne als Geheimdokumente nicht bekannt waren, ist seine Darstellung der Daubenwand durch den berühmten Naturforscher und Kartographen Johann Jakob Scheuchzer als besondere Naturerscheinung in den Randschmuck seiner 1712 erschienenen Schweizerkarte eingefügt worden.5 In dieser Karte hat Scheuchzer im Einzugsgebiet der Kander bereits die von Bodmer anfänglich geleitete Kanderkorrektion (Canalis novus) eingetragen. Die Gemmiroute selber ist neben dem Weg vom Neuhaus nach Unterseen die einzige im Oberland eingetragene Wegverbindung.
In Anlehnung an Scheuchzer hat Gabriel Walser mehrere Regionalkarten geschaffen, so auch 1765 von Bern6 und 1768 vom Wallis7. Bei den Verkehrswegen unterscheidet Walser die zwei Signaturen Landstrass und Fusswege sowie Wege und Strassen über Hohe Gebirge und Alpen. Die Landstrassen sind jedoch im Unterschied zu Scheuchzer als geradlinige Verbindungen dargestellt. Zudem beginnen die Passwege als Schlängellinien irgendwo in den Berghängen und haben keinen Zusammenhang mit den Talstrassen. Sie entsprechen den Signaturen von Pierre Duval (Abb.5) von 1658. Zu beachten ist ferner die Darstellung der Grenze zwischen Bern und Wallis: In der Ausgabe für den Kanton Bern liegt die Grenze auf der Daube; in der Karte des Wallis dagegen nördlich des Daubensees.
Damit und mit der sehr schlechten Nachzeichnung der Daubenwand nach Bodmer ist die Karte Walsers ein Rückschritt, und dies trotz der Angabe verschiedener Siedlungstypen und Erzgruben.

Abb. 5: Ausschnitt aus der Karte des Wallis von Pierre Duval, 1658. Erstmals wird für die Kategorie "Pässe" eine Signatur verwendet (Ausgabe von Gerard Valck und Pieter Schenk, zweite Hälfte 17. Jahrhundert). (Bern, Sammlung Ryhiner).
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Noch dürftiger ist die 1781 in Genf erschienene Carte generale de la Suisse par un voyageur francois (Abb.6). Der Autor ist Jean-Benjamin de La Borde. Die Karte gibt im Wallis oberhalb von Martigny nur die Rhonetalstrasse bis Leuk an und führt die Gemmiroute von dort aus in derselben Signatur schematisch weiter bis nach Aeschi bei Spiez. Obwohl er nach seinem Text den Pass nicht selber bereist hat, erfasst er präzis die speziellen Zugänge nach Albinen (Albinen ou Alpen) und zeichnet zwei Leitern ein, wie sie noch bis zum Beginn unseres Jahrhunderts gebräuchlich waren.
Bevor hier die Darstellung der Karten des 18.Jahrhunderts abgeschlossen wird, ist an den Neubau des Weges durch die Daubenwand von 1739 bis 1741 zu erinnern und zu fragen, in welcher Form dieser in den zwei panoramaartigen Zeichnungen des Kessels von Leukerbad aus den Jahren 1760/1785 und 1769 dargestellt ist.
Die beiden panoramaartigen «Prospecte» von Brupacher (1760/1785) und von Johann Joseph Bartholomäus Zur Kirchen und Caspar Joseph Schwendimann (1769) zeigen eine idyllische Landschaft. Der gefährliche Passweg ist zwar eingetragen und benannt; die Bedeutung der Bilder liegt aber in der Darstellung von Leukerbad mit der Lokalisierung der Bäder und Heilquellen. Die Gemmiwand hat ihren Schrecken verloren; es ist ein modern anmutender Prospekt eines Kurortes entstanden.

Die Darstellung der Gemmi in jüngeren Kartenwerken, in Strassenplänen und in der Geländearchäologie

Im Übergang von der Revolutionszeit zur Helvetik erhielt die Schweiz von 1796 bis 1802 ein auf neuer Basis aufgenommenes Kartenwerk, den Atlas Suisse von Johann Rudolf Meyer, Johann Heinrich Weiss und Joachim Eugen Müller. Die Gemmiroute ist auf dem Blatt 10 Partie du Canton de Berne du Valais et du Canton de Fribourg dargestellt. Die Wege sind als punktierte Linien eingetragen; jene der offenbar wichtigeren Strassen sind mit einer kaum erkennbaren Linie unterlegt. Diese Signatur ist auch auf der Gemmi zwischen Thun und Kandersteg und zwischen Leukerbad und Leuk zu finden. Die Karte gibt den genauen Wegverlauf wieder und kann zur Lokalisierung damaliger Wege oder zur Datierung heute verlassener Wegstrecken Anhaltspunkte geben.
Im Unterschied zum Atlas Suisse zeigt die Postkarte der Schweiz Repraesentatio cursuum publicorum in omnimbus Helvetiae partibus von 17998 nicht ein lokalisierbares Wegnetz, sondern bloss ein Netz geradliniger Verbindungen. Die Linie über den Gemmi Berg ist mit einer Bergsignatur ausgezeichnet und verbindet Bern über Gemmi–Simplon mit Mailand. Im Prinzip ist die Postkarte von 1799 nicht eine Wegkarte, sondern eine schematische Skizze der damaligen Postverbindungen.
Im Kriegsjahr 1799 wurde die Gemmi während des Aufstandes der Oberwalliser gegen die Franzosen kurzfristig unterbrochen. Danach diente sie als Verbindungs- und Nachschublinie für die im Wallis gegen die Koalition der Österreicher und Russen kämpfenden französischen Truppen. Das Direktorium der helvetischen Zentralregierung beauftragte am 1.Juli 1799 Inspektor Guisan, einen durchgehenden Fahrweg über die Gemmi sowie auf der Passhöhe eine Festung zu projektieren. Wohl in diesem Zusammenhang entstand der undatierte Plan du Chemin pris dès le somet du Mont Gemmi au pont de bois sur le Rhône en dessou de Loech en 6 Feuilles.9 Der Plan ist der älteste Strassenplan des Gemmiweges. Er unterscheidet im Wegverlauf drei Steigungsverhältnisse und Wegoberflächen aus Hangschutt oder Fels. Aus den Ausbauplänen in der Zeit der Helvetik wurde nichts; aber vom Einfall der Franzosen bis im Herbst 1820 wurde die Gemmi mehr oder weniger regelmässig zum Nachrichtenaustausch benutzt.
1820 schlug die Walliser Regierung dem Kanton Bern vor, den Bau einer Fahrstrasse über die Gemmi durch Abgeordnete prüfen zu lassen. Bern reagierte positiv und liess eine Wegrekognoszierung durchführen. Die Ergebnisse liegen als Plan mit dem Titel Reconnaissance militaire du Passage de la Gemmi aus dem Jahre 1820 vor und tragen den Vermerk: D’après le dessin de Mr. le Lt. Colonel Dufour avec quelques changements selon le petit plan de Mr. le Lt. Colonel Wurstemberger. Die exakt wirkende Zeichnung belegt die Wegführung vor den Reparaturen des 19. Jahrhunderts.
Seit der Zeit Dufours sind mit dem Topographischen Atlas (TA) und der Landeskarte der Schweiz (LK) neue Kartenwerke entstanden. Auf der Erstausgabe des Blattes Gemmi von 1884 ist der Weg über den Gemmipass als durchgehende Linie dargestellt, und vom Vorgänger wird nur noch der Name alte Gemmi überliefert. In den späteren Ausgaben des TA und in den frühen Ausgaben der LK erscheint die «Alte Gemmi» nicht mehr. Das Wiederauftauchen in der LK 1267 Gemmi (Ausgabe 1992) darf als Zeichen einer allgemeinen Aufwertung historischer Wege gedeutet werden, die dem Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz (IVS) zu verdanken ist.

Abb. 6: Ausschnitt aus der Karte der Schweizer Reise von Jean-Benjamin de La Borde, 1781. Die speziellen Zugänge nach Albinen führten noch zu Beginn unseres Jahrhunderts über Leitern. (Bern, Sammlung Ryhiner).
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Neben den in der LK angegebenen benutzbaren Wegen und Wegspuren gibt es zahlreiche weitere historische Wegrelikte. Aerni hat 1979 in den geländearchäologischen Untersuchungen an der Gemmi gezeigt, dass das Gelände ein dreidimensionales Archiv historischer Verkehrswege darstellt, dessen Inhalt sich nur durch die Kombination der Geländebefunde mit den historischen Quellen entschlüsseln lässt. Die Routenskizzen Gemmi –Schwarenbach sowie «Neue» und «Alte» Gemmi entstanden 1964 auf der Basis eines Übersichtsplans der Grundbuchvermessung im Massstab 1:10000, der mit einem Epidiaskop10 auf eine feldtaugliche Arbeitsgrundlage im Massstab 1:2500 vergrössert wurde. Die damaligen Feldaufnahmen bildeten den Ausgangspunkt für die Methodik des IVS, das seit 1984 am Geographischen und am Historischen Institut der Universität Bern entsteht.

Zusammenfassung und Ergebnisse

Die Interpretation der Gemmiroute auf den historischen Karten zeigt, dass neben Karten auch Abbildungen und historische Quellen sowie archäologische Beobachtungen beizuziehen sind. Die Antworten auf die eingangs gestellten Fragen lassen sich wie folgt zusammenfassen.

Nach Gyger entwickeln sich die Signaturen in zwei Varianten. Eine erste führt über Duval 1658 und Walser 1768 zur Schlängellinie als Wegsignatur. Die zweite Art beginnt 1702 mit dem sich auf Gyger abstützenden Jaillot und leitet über in die moderne Kartographie.
Es scheint, dass die kartographisch besonders schwierig darzustellende Daubenwand an der Gemmi die Kartographen im 17. Jahrhundert zur Schaffung einer Objektsignatur für Passwege veranlasste, ihnen damit den Blick für die Bedeutung der Wegsignaturen öffnete und ganz allgemein dazu führte, dass Verbindungen allmählich als Wege dargestellt wurden.

Literatur

Im Vorhergehenden wird auf Vollständigkeit der Quellenbelege verzichtet, da der Text in erweiterter Form und mit Literaturangaben in der Zeitschrift Cartographica Helvetica vorgesehen ist.

Aerni, Klaus: Die Entwicklung des Gemmipasses. In: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 29,1 (1979) S.53–83.

Becker, Fridolin: Aus dem Excursionsgebiet; Blatt Gemmi. In: Jahrbuch des Schweizer Alpenclub 1882–83 18 (1883) S.17–28.

Blumer Walter: Bibliographie der Gesamtkarten der Schweiz von Anfang bis 1802. Bern, 1957. (Bibliographia Helvetica 2).

Germann, Thomas: Samuel Bodmer: Der Gemmipass 1701 – Eine kuriose vertikalpanoramatische Ansicht. In: Zentralbibliothek Zürich – Alte und neue Schätze. Hrsg. Alfred Cattani, Michael Kotrba, Agnes Rutz. Zürich, 1993. S.102–105.

Högl, Lukas: Burgen im Fels. Eine Untersuchung der mittelalterlichen Höhlen-, Graben- und Balmburgen in der Schweiz. Olten, Freiburg, 1986. (Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters 12).

IVS-Dokumentation Berner Oberland. Bern, 1997.

Anmerkungen

  1. Blumer (1957) S.31f., Nr. 1.
  2. Blumer (1957) S.39ff., Nr. 29.
  3. Blumer (1957) S.66, Nr. 113.
  4. Blumer (1957) S.73f., Nr. 149b.
  5. Blumer (1957) S.76, Nr. 165.
  6. Blumer (1957) S.93, Nr. 256 b.
  7. Blumer (1957) S.94, Nr. 256 q.
  8. Franz Joseph von Reilly: Allgemeiner Post Atlas (1799) Blatt 19.
  9. Schweizerisches Bundesarchiv Bern: HAZ–n/585/alt KE 3177.
  10. Kombination aus einem Diaprojektor und einem Projektor für nichttransparente Vorlagen.

Abb. 7: Darstellung der Daubenwand an der Gemmi von Samuel Bodmer, 1701, herausgegeben von Johann Jakob Scheuchzer, 1708. (Bern, Sammlung Ryhiner).
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