Sammlung Ryhiner: Mikroverfilmung

Der farbige Mikrofilm - Zwischenoriginal für konventionelle und digitale Bildarchivierungssysteme

Martin Gubler und Thomas Klöti

1. Problembeschreibung

Archivare und Bibliothekare auf der ganzen Welt haben in den letzten Jahrzehnten wertvolle Arbeit geleistet, indem sie in einer Zeit des allgemeinen Fortschrittglaubens und der Wegwerfmentalität unwiederbringliche Kulturgüter vor der Vernichtung bewahrt haben. Diese lagern gut geschützt in entsprechenden Depots. Wenn es nun gilt, diese Kunst- und Kulturschätze der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, so soll das Original nur noch minimalst beansprucht werden. Als Vorlagen eignen sich Bücher, Pläne, Karten, Pausen und dreidimensionale Gegenstände.


2. Lösungsansätze

Heute stehen modernste Technologien zur Verfügung, wobei grosse Hoffnung in die Digitalisierung von Bildmaterial gesteckt wird. Hier liefert das konservative Verfahren der farbigen Mikroverfilmung einen beachtenswerten Puzzlestein in einem wohldurchdachten Archivierungssystem, denn verantwortungsbewusste Betreuer von Kulturgut ziehen auch Fragen der Haltbarkeit, der Preisentwicklung und der Kompatibilität in Erwägung.


3. Die farbige Mikroverfilmung

Im nachfolgenden wird kurz gezeigt, wie ein farbiger Mikrofilm hergestellt wird. Die wichtigsten Eckpfeiler sind die Aufnahmekamera, das Filmmaterial und der Entwicklungsprozess sowie die Endkontrolle.
Aufnahmekamera: Die Bedienung der Kamera erfolgt an einem Monitor. Alle Bausteine des Aufnahmekamerasystems, dazu gehören Kamerabasis, Aufnahmekopf und Vorlagentisch, werden von einem Rechner in einem vernetzten Multiprozessorsystem gesteuert und überwacht. Bestandteil der Kamerabasis ist eine senkrechte Säule mit höhenverstellbarem, faktorgesteuerten Schlitten und hochwertiger Optik. Dank wechselbarer Aufnahmeköpfe stehen verschiedene Bildformate zur Verfügung (Kleinbild, Filmkarte und Vollfiche). Als Vorlagentisch dienen Buchwippe und Plantisch. Während der kurzen Aufnahmezeit wird das Original mit gefilterten Halogen-Scheinwerfern beleuchtet.
Filmmaterial, Entwicklungsprozess und Endkontrolle: Ein weiteres starkes Glied in der Mikroverfilmungskette stellt das Filmmaterial dar. Die Firma Ilford stellt den hochauflösenden Film ILFOCHROME MICROGRAPHIC her. Ilfochromeprodukte setzen das Silberfarbbleichverfahren ein. Dabei werden Azofarbstoffe mit hoher Stabilität bezüglich Lichtechtheit und Archivbedingungen verwendet. Tests bezüglich hoher Licht- beziehungsweise Archivbeständigkeit, von unabhängigen Stellen durchgeführt, ergeben diesbezüglich ausgezeichnete Resultate.1
Das Auflösungsvermögen des Films beträgt über 300 Linienpaare pro Millimeter (lp/mm), wobei in der Praxis, bedingt durch die Optik, 140-180 lp/mm erzielt werden. Sie sind somit im Vergleich zu chromogenen Filmen mit 80-100 lp/mm bezüglich Schärfe signifikant besser.
Bis zu einem Verkleinerungsfaktor von 30 wird denn auch soviel Bildinformation gespeichert, dass wir von einem Zwischenoriginal sprechen können. Für die Gewährleistung der Qualität entscheidend ist schliesslich die Endkontrolle der Mikrofilme, bevor diese dem Auftraggeber zugestellt werden. Bildarchiv: Der Mikrofilm bildet nun die Basis für alle weiteren Anwendungen, seien sie konventioneller oder digitaler Art. Die Originalvorlage wird damit substituiert und vor Benutzungsschäden bewahrt. Der Mikrofilm wird in einer Sicherheitskopie konventionell archiviert und in einer Arbeitskopie dem Benutzer zugänglich gemacht. Der Mikrofilm dient auch als Grundlage für die Digitalisierung mittels Filmscanner. Vom digitalen Massenspeicher aus sind dann alle Möglichkeiten der elektronischen Datenverarbeitung aktiv nutzbar. Als Files in verschiedenen Formaten lassen sich die Bilder versenden, verbessern, verändern und ordnen. Was ebenfalls bleibt, ist das Zwischenoriginal, von welchem aus in 50, 100 oder mehr Jahren wiederum die neueste Technologie genutzt werden kann.


4. Die farbige Mikroverfilmung der Sammlung Ryhiner

Die Sammlung Ryhiner, die sich in der Stadt- und Universitätsbibliothek Bern befindet, zählt zu den wertvollsten und bedeutendsten, privat angelegten Kartensammlungen des 18. Jahrhunderts. Der über 500bändige Sammelatlas wurde von Johann Friedrich von Ryhiner (1732-1803) zusammengestellt. Die weltweite, nach wissenschaftlichen Kriterien aufgebaute Sammlung umfasst 16000 Karten, Pläne und Ansichten aus dem 16. bis 18. Jahrhundert.
Dieses bedeutende kulturelle Erbe gilt es zu erhalten, zu erschliessen und zu nutzen. Das mit Mitteln des bernischen Lotteriefonds in Gang gesetzte Vorhaben beinhaltet insbesondere eine allgemein zugängliche Datenbank, eine Mikroverfilmung sowie restauratorische Massnahmen.2
Das Vorhaben wird als Kooperationsprojekt des Geographischen Instituts der Universität Bern (Prof. Dr. Klaus Aerni) und der Stadt- und Universitätsbibliothek Bern (Prof. Dr. Robert Barth) unter Fachbegleitung des Staatsarchivs Bern (Dr. Karl Wälchli) durchgeführt. Die Leitung des Projekts wurde Dr. Thomas Klöti übertragen dem Bibliotheks-Fachpersonal zur Seite steht.
Im Hinblick auf Bestandessicherung und künftige Nutzung der Sammlung erfolgte ein Entscheid für das Verfahren ILFOCHROME MICROGRAPHIC. Aufgrund von eingeholten Referenzen, Probeverfilmungen und Offerten wurde der Auftrag an die Firma Fotolabor Gubler in Märstetten erteilt.
Seit Februar 1994 werden die Karten chargenweise auf Kleinbild Rollfilm (in zweifacher Ausführung) verfilmt, wobei für die Durchführung der Arbeiten eine Frist von 2 ˝ Jahren vorgesehen ist. Beim Verfilmen wird ein Massstab, ein Farb- und Graukeil, die Signatur sowie ein darauf basierender Strichcode mitbelichtet. Für den Transport werden Spezialbehältnisse verwendet, um einen optimalen Schutz der Bestände zu gewährleisten. Für die Benutzung der Arbeitskopie des farbigen Mikrofilms wurde ein Mikrofilmlesegerät (OMNIA OL-2) angeschafft, das über eine graue Mattscheibe in der Grösse von A2 quer verfügt. Die Sicherheitskopie des Mikrofilms, die durch das Bundesamt für Zivilschutz mitsubventioniert wird, ist für die separate Lagerung in einem Kulturgüterschutzraum vorgesehen.


5. Digitale Bildbearbeitung

Mit der Mikroverfilmung von Bildmaterial entsteht zugleich ein Zwischenoriginal. Damit stehen weitere Möglichkeiten offen, von denen nachfolgend einige aufgezeigt werden.
Aus der digitalen Optik stellt der Mikrofilm als Zwischenoriginal einen Massenspeicher dar, der einige Vorteile aufweisen kann:
- Er ist sehr kostengünstig, indem 10-20 MB Bildinformation für nur rund Fr. 5.-- gespeichert werden können.
- Er ist fälschungssicher, weil jegliche Manipulation am Zwischenoriginal sichtbar ist.
- Er ist systemunabhängig, das heisst er kann auch in Jahrzehnten mit heute noch nicht bekannten Möglichkeiten genutzt werden.
Wenn bei der Verfilmung ein variabler Verkleinerungsfaktor gewählt wird, haben ursprünglich verschieden grossen Objekte anschliessend alle annährend das gleiche Format. Das vereinfacht die Digitalisierung beträchtlich. Auf welche Art dies geschehen soll ist eine Frage des Verwendungszweckes und des Preises. Als günstigste Variante bietet sich heute die Foto-CD von KODAK an. Die Foto-CD bietet jedoch nicht nur finanzielle Vorteile. Dank ihrer Verbreitung und der Firma, welche dahinter steckt, kann das Format sowohl hard- wie softwareseitig praktisch überall verarbeitet werden. EinfacheThermoprints lassen sich ebenso realisieren wie grossflächige Bubble-Jet-Ausdrucke. Der Datentransfer erfolgt über bestehende Netzwerke, wie man es von der Textverarbeitung her längst kennt. Weitere Digitalisierungsvarianten ergeben sich im Bereich der Litho-Herstellung. Vom Litho aus können dann jegliche Druckerzeugnisse hergestellt werden. Selbst der Kleinbild-Filmscanner liefert in Kombination mit den im Verhältnis günstigen Farbkopierern rasch brauchbare Arbeitskopien.


6. Zusammenfassung

Mit der farbigen Mikroverfilmung bietet sich die Möglichkeit, Bestände von wertvollen Bilddokumenten als Zwischenoriginale zu sichern und vielfältig zu nutzen. Darauf aufbauend lassen sich insbesondere sämtliche Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung nutzen. Die hier angesprochenen Entwicklungen, die sich auch im Bereich des Schutzes von Kulturgut nutzen lassen, wird ein Pessimist, ein Optimist sowie ein Realist jeweils unterschiedlich beurteilen. Mit dem farbigen Mikrofilm steht hingegen ein Informationsdepot zur Verfügung, das einerseits als Basis für die digitale Welt herangezogen werden kann, andererseits aber auch dann noch zu gebrauchen ist, wenn nur noch Kerze und Lupe zur Verfügung stehen.
Wir danken Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und für Ihre sorgfältige Tätigkeit, mit der Sie Vergangenes für die Zukunft erhalten.


Überarbeitete Fassung des Vortrags von Martin Gubler und Dr. Thomas Klöti vom 28.9.1994, gehalten an der Konferenz der Groupe des Cartothécaires de LIBER "Digitale Karten in Bibliotheken" an der ETH Zürich vom 26.-30.9.1994.

1 Wilhelm, Henry (1993), S. 6 und 199-200: The permanence and care of color photographs : traditional and digital color prints, color negatives, slides, and motion pictures. Grinnel (Iowa), Preservation Publishing Company: Laut Wilhelm sind ILFOCHROME MICROGRAPHIC-Filme bei Normallagerung über 500 Jahre beständig. 2 Vgl. dazu: Klöti, Thomas (1994), S. 179-189: Karten in der Stadt- und Universitätsbibliothek Bern - Die Erschliessung der Sammlung Ryhiner. In: Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde.


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