[Himmelsatlas (1826)]
[Atlas coelestis (1826)]
[Celestial atlas (1826)]
[Atlas céleste]
[Vorwort (1826)]
[Vergleich mit Flamsteed (1729) und Fortin (1776)]
Die Welt, eine Augenweide : Transparente Landschafts- und Sternbilder von Franz Niklaus König
von Thomas Klöti
Was bei umherziehenden Schaustellern seit der Mitte des 19. Jahrhunderts als "Weltpanoramen" breiten Raum einnahm (zumindest im Format), kündigte sich bereits früher an. Mit dem Aufkommen des Tourismus zum Beispiel entstand ein eigentlicher Bedarf nach Bildern mit Landschaftsmotiven. Diese dienten nicht nur als Erinnerungsstücke sondern auch der Belehrung und Unterhaltung. Das Staunen über das Schauspiel des kreisenden Sternenhimmels, die Begeisterung für die Schönheit der Natur bildeten immer wieder Stoff für bildliche Darstellungen.
Zu den frühesten Zielen touristischer Reisen gehörte das Berner Oberland, wo der Berner Maler Franz Niklaus König (1) von 1797 bis 1809 in Interlaken und Unterseen wirkte. Nach Bern zurückgekehrt, sah er sich nach neuen Anwendungsmöglichkeiten seines erworbenen Könnens um: Er nahm seine Landschafts- und Trachtenmotive in aquarellierten Transparentbildern wieder auf.
Die romantisch gestimmten Transparentbilder von Franz Niklaus König (1765-1832) gehörten zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu den weithin bekannten Attraktionen der Schweizer Landschaftsmalerei.(2) 1811 zeigte König erstmals öffentlich ein Transparent, das allgemeine Anerkennung fand. Das erste "Transparenten-Kabinett" richtete er 1815 mit acht solcher Arbeiten in seiner Wohnung an der Marktgasse 41 in Bern ein. Der Zudrang zu den Vorstellungen nahm mit der Zeit solche Formen an, dass er sich ermutigt sah, 1816 und 1817 seine Kunst in verschiedenen Städten der Schweiz (Zürich, Winterthur, St. Gallen), aber auch in Süddeutschland (Lindau, München, Augsburg, Erlangen, Frankfurt, Ludwigsburg und Stuttgart) vorzuführen.(3) Seine Tournee führte ihn bis an den Hof des Königs von Württemberg. Nach seiner Rückkehr schuf er weitere Transparente. Daran anschliessend unternahm er 1819/1820 eine ausgedehnte Reise nach Deutschland (über Aarau und Basel nach Freiburg i.Br., Karlsruhe, Mannheim, Heidelberg, Frankfurt, Bamberg, Koburg, Weimar, Leipzig und Dresden) (4) sowie 1820/1822 nach Frankreich (5) (über Neuenburg und Besançon nach Paris (6) - die Rückkehr erfolgte über Dijon, Besançon, Le Locle, La Chaux-de-Fonds und Neuenburg). Vermutlich erfolgte nun eine erneute Reise nach Deutschland.(7) Aufgrund des überlieferten Briefwechsels wissen wir zudem, dass er seine Transparente 1829 in der Westschweiz (Lausanne und Genf - Rückreise über Lausanne, Vevey, Freiburg) (8) zeigte. Nach Königs Tod (1832) unternahm C. Stettler 1832/33 eine weitere Vorführungsreise nach Deutschland.(9)
Vom Erfolg der Vorführungen sprechen Königs erhaltene Reisebriefe, die er an seine Frau richtete.(10) Das wichtigste Ereignis für den Künstler mag wohl der Besuch bei Goethe gewesen sein, dem er eine Privatvorstellung gab "da er nicht wohl ist und das Geschwärm nicht vertragen mag"(11). In einer ausführlichen Besprechung in "Über Kunst und Alterthum"(12), die dem Berater Goethe's, Heinrich Meyer, zugeschrieben wird (13), erfolgte eine recht positive Würdigung. Goethe selbst brachte jedoch sein Befremden über eine derartige Kunstausübung zum Ausdruck: "Der älteste Grundsatz der Chromatik: die körperliche Farbe sey ein Dunkles, das man nur bei durchscheinendem Lichte gewahr werde, bethätigte sich an den transparenten Schweizerlandschaften, welche König von Schaffhausen [sic!] bei uns ausstellte. Ein kräftig Durchschienenes setzte sich an die Stelle des lebhaft Beschienenen und übermannte das Auge so, dass anstatt des entschiedensten Genusses endlich ein peinvolles Gefühl eintrat."(14)
Die Gattung der von hinten beleuchteten, beweglichen Bilder muss sehr beliebt gewesen sein, da die Werbebroschüre "Diaphanorama oder Transparent-Gemälde, die merkwürdigsten Gegenstände der Schweiz enthaltend", in der König die vorgeführten Transparente beschrieb, mehrfach herausgegeben wurde und in französischer und deutscher Sprache erschien. Zum Verkauf bot er zudem "lithographierte Lichtschirmbilder" (15) an. Diese Lichtschirme konnten dann zu Hause vor eine Kerze oder Lampe gestellt werden, wobei das Licht gedämpft und eine beschauliche Stimmung erzeugt wurde.
Über Königs Vorführeinrichtung gibt es wenig Anhaltspunkte.(16) Einen Hinweis, dass König auch die Verwendung von optischen und mechanischen Hilfsmitteln zumindest in Erwägung zog, gibt der Künstler selbst, indem er schreibt: "... da die Schweizernatur so manche einzige Natur-Effekte hervorbringt, die auf dem gewöhnlichen Wege der Malerei nicht darzustellen sind, so wählte ich die Transparent-Manier, die neben ihren eigenen Mitteln noch jene der Optik und Mechanik in Verbindung bringen lässt, durch welche dann vereint der Künstler sich am besten dieser grossen Natur annähern kann." (17)
Zusätzlich zu den Landschaftsansichten bekam das Publikum als Seitenbilder, währenddem die Hauptbilder verändert wurden, Trachtendarstellungen zu sehen. Dies habe den Vorteil, schreibt König, dass das Auge nun nicht mehr durch die offene Lampe geblendet werde, wie es früher der Fall gewesen sei.(18)
Im Übrigen sind die Bilder auf starkes, über einen Holzrahmen gespanntes, Papier gemalt. An jenen Stellen, wo das Licht stärker durchscheinen sollte, schabte König das Papier mit einem Messer ab oder rieb es mit Spiritus ein. Um effektvolle "Lichtbilder" zu erzielen, schnitt er auch Lichtquellen aus und hinterklebte die Öffnungen mit dünnerem Papier.
Die Bilderwelt des Himmelszelts
Eine ähnliche Technik verwendete König bei seinen bis heute kaum bekannten transparenten Sternbildern.(19) Der Sternbilder-Atlas umfasst "27 numerierte Blätter mit weiss auf schwarzem Grunde lithographierten Sternbildern, als Transparent (durchstochen) gemacht", sowie eine Orientierungstafel.(20) Die Rückseite ist mit einem dünneren Papier überklebt. Seitlich ist ein Randstreifen aufgeklebt, der in der Regel auf der Bildseite die Namen von Sternbildern und auf der Kehrseite eine kurze Angabe zum Inhalt enthält.
Die Sternbilder können im Auflicht, die Sterne selber im Durchlicht betrachtet werden, wobei - ausser der Lichtquelle - keine weiteren Hilfsmittel notwendig sind. Der Betrachter kann mit der Sternkarte in der Hand unter das Himmelsgewölbe treten und in dessen Schein das Abbild des Himmels zum Leuchten bringen. Es ist aber auch denkbar, dass die Tafeln in Guckkästen betrachtet wurden.
Vom Himmelsatlas sind mehrere Exemplare überliefert (21), wobei für die Abbildungen in diesem Katalog die Ausgabe, die sich in der Stadt- und Universitätsbibliothek Bern befindet, verwendet wurde. Dem Werk ist in der Regel auch ein Vorwort des Berner Mathematik- und Physikprofessors Friedrich Trechsel beigefügt und zumeist auch ein Widmungsblatt an die Grossfürstin Anna Feodorowna von Russland, (die Fürstin war Eigentümerin des Elfenau-Gutes in Bern) (22).
König verwendete als Vorlage für seinen "Atlas céleste" höchstwahrscheinlich die französischsprachige 2. Ausgabe des Himmelsatlas von Flamsteed (1776) (23), dessen Sternkatalog auf das Jahr 1780 berechnet ist. Der "Atlas céleste" von Franz Niklaus König (1826), der die Sterne der Grössenklassen 1-5 wiedergibt, zeigt die von blossem Auge sichtbaren Sterne. Er kam an einem interessanten Wendepunkt zustande: Während die Himmelskarten - aufgrund von Fernrohrbeobachtungen - mit immer lichtschwächereren Sternen angefüllt wurden, gewährten diese den traditionellen Sternbildfiguren kaum mehr Raum. Himmelskarten wurden immer mehr nüchterne Instrumente moderner Wissenschaft. Für die Belehrung der Heranwachsenden, z.B. im häuslichen Unterricht durch die Mutter oder den Vater, bestand jedoch ein Bedarf nach einem Hilfsmittel, um astronomische Grundkenntnisse weiterzuvermitteln. Dass König mit seinem "Atlas céleste" diesbezüglich Erfolg hatte, bestätigt Professor Trechsel in seinem Vorwort zum "Atlas céleste"(24).
Heute stehen wir vor der heiklen Aufgabe, dieses Werk einerseits breit zugänglich zu machen und andererseits vor Schäden, die durch den vermehrten Gebrauch entstehen, zu schützen. Daher wurden sämtliche Blätter fotografiert, auf eine Foto-CD übertragen und über das Internet weltweit zugänglich gemacht.(25) Mit den heute üblichen (Monitor-) Guckkästen können nun diese Sternbilder betrachtet werden und spätestens dann, wenn diese Bilder flimmerfrei und hochauflösend auf dem Bildschirm erscheinen, sollten wir uns auch die Zeit nehmen, um uns das nächtliche Schauspiel am Himmel vor Augen zu führen.
Thomas Klöti
Rigi-Kulm
Der Rigi liegt so ziemlich in der Mitte der Schweiz; er ist sehr leicht zu besteigen, und zwar von mehreren Seiten her. Es ist unglaublich, wie viele Wahlfahrten dahin gemacht werden, sowohl von Fremden als von Einheimischen, und immer wird der frühe Morgen dazu gewählt, um des erhabenen Schauspiels der aufgehenden Sonne zu geniessen. Dies war auch die schwierige Aufgabe des Künstlers. Im Vordergrund erscheint der Rigi-Kulm, das Belvedere auf dem höchsten Gipfel, und rechts das oberste Wirthshaus. Eben trittet die Sonne über dem Glärnisch hervor, und breitet ihr Licht über die Gegend, in welcher sich folgende Gegenstände zeigen: Der Sturz von Goldau, der Lowerzer-See, die Mythen oder Schwytzerhacken, Schwytz, Säntis, und einige Seen. Auch sieht man links im Vordergrund die Stelle, wo vor 6 Jahren ein deutscher Reisender hinab gestürzt ist.
Aus: "Diaphanorama oder Transparent-Gemälde, die merkwürdigsten Gegenstände der Schweiz enthaltend" (1832)
Literatur
- [Ausstellungskatalog Bern (1923)] S. Freudenberger, F.N. König, Ausstellung im Kunstmuseum Bern, Mai-Juni 1923.
- [Ausstellungskatalog Bern (1982)] Franz Niklaus König 1765-1832, Ausstellung im Kunstmuseum Bern, 1982.
- [Ausstellungskatalog Bern (1991)] Zeichen der Freiheit, Ausstellung im Bernischen Historischen Museum und Kunstmuseum Bern, 1. Juni bis 15. September 1991.
- [Ausstellungskatalog Langenthal (1993)] Franz Niklaus König, "Heute geben wir Spektakel", Ausstellung im Kunsthaus Langenthal vom 28. Juli bis 5. September 1993.
- Blösch, Emil: Reisebriefe des Malers F.N. König. In: Berner Taschenbuch, 1882, S. 126-193 sowie 1883 S. 202-246.
- Bourquin, Marcus: Franz Niklaus König. Leben und Werk. Diss. Bern, 1963.
- de Capitani, François: Transparentbilder von Franz Niklaus König. In: Zeichen der Freiheit, 1991, S. 439-440.
- Der Erzähler, 17. Jg., 25/1822, S. 129 (21. Juni)
- Fortin, Jean: Atlas Céleste de Flamsteed Approuvé par l'Accadémie Royale des Sciences, et Publié sous le Privilege de Cette Compagnie. Seconde Edition. Par M.J. Fortin, Ingenieur-Méchanicien du Roi & de la Famille Royale pour les Globes && Spheres, A Paris chez F.G. Deschamps, Libraire, rue S. Jacques aux Associes [&] l'Auteur, rue de la Harpe, pres celle du Foin. 1776.
- Füsslin, Georg et al.: Der Guckkasten. Einblick - Durchblick - Ausblick. Stuttgart 1995.
- Goethe, Johann Wolfgang von: Tag- und Jahres-Hefte als Ergänzung meiner sonstigen Bekenntnisse. In: Goethe's Werke, 32. Bd., 1830.
- Goethe, Johann Wolfgang von: Über Kunst und Alterthum. 2. Band, 3. Heft. Stuttgart, 1820.
- König, Franz Niklaus: Astrognosie oder Anleitung zur Kenntniss der Sterne. In 28 schön gezeichneten Steindruck Tafeln mit Umrissen der Sternbilder nach Flamsteeds Himmels Atlas / in transparenter Manier gearbeitet von F.N. Koenig. Bern, Walthard, 1826.
- König, Franz Niklaus: Diaphanorama oder Transparent-Gemälde, die merkwürdigsten Gegenstände der Schweiz enthaltend. Aarau, 1819.
- König, Franz Niklaus: Diaphanorama oder Transparent-Gemälde, die merkwürdigsten Gegenstände der Schweiz enthaltend. Bern, 1832.
- Majnc, Wolf: Bernische Campagnen. Bern, 1980.
- Oetterman, Stephan: Das Panorama. Frankfurt, 1980.
- Remijn, Jan C.: Transparente Tage. Die Reisebriefe des Kunstmalers Niklaus König aus den Jahren 1816 und 1819/20. Sonderdruck aus: Hardermannli, Beilage des Oberländischen Volksblattes Interlaken, vom 27. Juni, 11. und 25. Juli, 1982.
- Seelhofer, Hans W.: Der Sternenhimmel des Franz Niklaus König. In: Der Kleine Bund 145 Jg., 5.3.1994, S. 6.
- Verwiebe, Birgit: Vom Guckkasten zum Transparentbild. In: Der Guckkasten. Einblick - Durchblick - Ausblick. Stuttgart 1995.
- Warner, Deborah J.: The sky explored. Celestial cartography 1500-1800. New York / Amsterdam, 1979.
Anmerkungen
1 Siehe z.B. Bourquin (1963); Ausstellungskatalog Bern (1982); Ausstellungskatalog Langenthal (1993)
2 Oettermann (1980: 60)
3 Remijn (1982: 8-9)
4 Bloesch (1882); Remijn (1982: 9)
5 Bloesch (1883)
6 In Paris, wo er sich ca. ein Jahr aufhielt, führte er seine Transparente dem Herzog Louis Philippe von Orléans, dem späteren französischen König mit viel Erfolg vor.
7 Der Erzähler (25/1822: 129): "Auf seiner Rückreise von München hat uns Herr König [in St. Gallen] den Anblick seines neuen Transparent-Gemäldes verschafft".
8 Burgerbibliothek Bern, Mss. h.h. III. 250: Briefe Nr. 82 ff
9 König, Diaphanorama (1832: 3-4)
10 Vgl. dazu: Blösch (1882) und Blösch (1883) sowie Remijn (1982)
11 Remijn (1982: 47)
12 Goethe (1820: 132-141)
13 Vgl. Bloesch (1882: 133) und Remijn (1982: 50)
14 Goethe's Werke, 32. Bd. (1830: 169)
15 Vgl. Ausstellungskatalog (1923: 61 ff.)
16 Einen Überblick über die Entwicklung der Transparentmalerei findet sich z.B. bei Verwiebe (1995: 74-97)
17 König, Diaphanorama (1819: 3)
18 König, Diaphanorama (1819: 4)
19 Vgl. Seelhofer (1994: 6).
20 Ausstellungskatalog (1923), 79
21 Gemäss dem Katalog der Schweizerischen Landesbibliothek trägt der "Atlas céleste", der bei Walthard in Bern erschienen ist, auch den Titel "Astrognosie oder Anleitung zur Kenntniss der Sterne".
22 Majnc (1980: 11-16)
23 Vgl. Warner (1979: 84)
Himmelskarten und Himmelsatlanten wurden nach Ortsangaben aus Sternkatalogen erstellt. Aufgrund der astronomischen Arbeiten von John Flamsteed, erschien nach dessen Tod 1729 der bedeutende Sternatlas "Atlas coelestis". Der Sternkatalog von Flamsteed ist der erste, der mit Hilfe von Fernrohren erarbeitet wurde, sodass seine Angaben bis zur 7. Sterngrösse reichen. (Von blossem Auge sind Sterne bis zur 6. Grösse sichtbar.) Der Atlas fand weite Verbreitung und es folgten weitere französische und englische Ausgaben sowie eigenständige Himmelskarten anderer Autoren.
24 Siehe Kasten 2
25 Adresse: http://www.stub.unibe.ch/maps/koenig/himmel.html
Der Beitrag erschien auch im Katalog zur Sonderausstellung "Sensationen - Welt-Schau auf Wanderschaft" (Schweizerisches PTT-Museum)
Nachgeführt: 12/96, mailto:thomas.kloeti@stub.unibe.ch (Thomas Klöti)